19, 25, 25, 23, 25, 15, 13, 25, 24, 23, 24, 25, 25, 24, 12. Also im Durchschnitt 20,13. Warum kann sich mein Körper eigentlich nicht dem Durchschnitt anpassen? Da würde er sicher nicht so oft anecken oder stolpern.
Nein es geht nicht um meine Schuhgröße. Es ist die Höhe jeder einzelnen Stufe in unserem Haus. Dadurch ist es jedes Mal eine Herausforderung unbeschadet, das Ziel vor Augen, vielleicht noch ein Tablett in der Hand, die andere Etage zu erreichen. Das erinnert mich ein wenig an Dinner for one. Der Buttler wusste ja auch um die unsäglichen Tücken des Eisbärenfells. Und? Er stolperte trotzdem. So geht es mir auch jedes Mal. Ich weiß, jetzt muss ich aufpassen. Die Stufe ist anders. Was passiert? Ich stolpere. Aber unsere Treppe führt ein Eigenleben. Heimlich vertauscht sie die Höhen der Stufen. Und das jedes Mal. Ich bin chancenlos. Da hilft auch keine Kontrolle im Vorfeld. Da ist das Wort: Kontrolle. Ich bin aber auch verdammt deutsch. Ich denke, wenn in Deutschland gebaut wird, sind ständig Behörden, Institutionen, Kommissionen involviert. Am Ende kann vielseitig zertifiziert gehofft werden, dass alles hält. Hier in Kambodscha ist das nicht so. Hier gibt es so etwas nicht. Wozu auch. Die Dinge führen sowieso ein Eigenleben, so wie unsere Treppe. Da das so ist, braucht es hier auch keine Statiker, baubegleitende Kontrollen und Bauabnahmen. Neulich ist mal wieder eine Fabrik zusammen gestürzt. Der folgerichtige Kommentar der Regierungsbehörde war, sie habe nichts damit zu tun, trage keine Verantwortung und keine Schuld. Vielleicht ja die höhere Macht? Auf alle Fälle eine oder jemand, die durch niemanden und schon gar nicht von einer Regierungsbehörde kontrollierbar ist.
Wenn wir aus Phnom Penh nach Kampot fahren, kommen wir an einer Fabrikbauruine vorbei. Die gesamte Dachkonstruktion ist nach innen gebogen. Zum Glück hat die höhere Macht schon in diesem Bauabschnitt versagt. Vielleicht war die Konstruktion aber auch so schlecht berechnet, dass sie nicht mal die leiseste Chance hatte.
Wenn es nicht so tragisch wäre und nicht wie erst vor einigen Wochen auch Menschenleben kosten würde ...
Dennoch. Heutiges Bauen in Kambodscha. Das ist wirklich bemerkenswert und auf eine Art auch faszinierend. Dass es eine lange Tradition gibt, kann man unleugbar in den Anlagen von Angkor Wat bewundern. Die Bauten stehen über 1000 Jahre und werden es vermutlich noch mal so lange. Bei den jetzigen Bauten bin ich mir jedoch nicht ganz so sicher. Gegenüber von uns wird seit einigen Wochen ein Haus gebaut. Beeindruckt bestaune ich die Fortschritte. Am Anfang war eine Baulücke. Nicht groß aber wie heißt es doch so schön: Platz ist in der kleinsten Hütte. Na gut. Der Spruch passt nicht hundert prozentig. Aber es geht ja um die message. Da war jedenfalls eigentlich so gar kein Platz. Dann wurden riesige Mengen Baumaterialien mit den unterschiedlichsten Fahrzeugen angefahren. Ein großer Berg war entstanden, auf dem es sich umgehend ein Hund bequem gemacht hatte. Ein Bild wie aus einem Garry Larson Cartoon. Der Platz war also voll und so dachte ich, das Haus muss jetzt wohl auf einem anderen Grundstück gebaut werden. Nun, einige Wochen später und unüberhörbarem Lärm, Nutzung von Unmengen, natürlich mit der Hand gemischten Betons, mit Zuhilfenahme von Massen von Holzstangen, die den Beton dort halten sollte, wo er hingehört und natürlich riesigen Nachlieferungen von Steinen, Zement, Holz, Menschen, ist aus dem großen Haufen, oh Wunder, der Rohbau eines Hauses zu erkennen. Ich kann mir das nur so erklären, dass alle Materialien einfach zusammen gemischt und dann aus dem großen Klumpen mit bloßen Händen das Haus geschnitzt wurde. Ich frage mich nur, jetzt kommt wieder so ein wichtiges Sprichwort: „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, wo diese wohl geblieben sein mögen. In Luft aufgelöst, verdampft, weggebeamt, beim Nachbarn aufs Grundstück geschmissen. Keine Ahnung. Das Haus wächst und wächst. Zwischenzeitlich hatte ich ja Bedenken. Einige Träger waren ziemlich schief in den Beton gegossen. Ich weiß aber nicht wie und warum, nun sind sie gerade. Also zumindest für meine Augen.
Augen? Gut sehen? Wo ist eigentlich meine Brille? Aber wozu auch? Ich will ja nicht noch mehr auffallen. Weg mit der Brille! Kambodscha ist das erste Land, das ich kenne, in dem es kaum Brillenträger gibt. Die Menschen scheinen durch die Evolution einen ganz eigenen Weg gegangen zu sein. Moment! Wenn ich darüber nachdenke. Jetzt wird mir auch klar warum die Baumenschen auch keine Wasserwaage benutzen. Wer keine Brille braucht, braucht auch keine Wasserwaage. Die Anlagen von Angkor Wat wurden garantiert auch ohne Brillen und Wasserwaagen errichte und stehen immer noch. Ich habe da so einen Verdacht. So muss es sein. Ich habe da eine Vermutung bezüglich der Brillen und Wasserwaagen. Die wurden in Europa nur eingeführt, um das Abendland untergehen zu lassen. Ich sehe es ganz deutlich. Die ägyptischen Pyramiden, die Tempel der Inkas, die hängenden Gärten der Semiramis, das neue Haus der Nachbarn. Alles ohne Brillen und Wasserwaagen errichtet. Und wenn ich nach Deutschland schaue. Flughafen Schönefeld, Bahnhof von Stuttgart, selbst die Berliner Mauer, die ja, so klingt es noch in meinem Ohr, ... noch in 50 oder 100 Jahren stehen wird ..., von wegen. Nichts steht. Und was trugen die Bauherren? Brillen. Das ist es. Das ist die Lösung. Da hilft nur eins: Weg mit den Brillen, Wasserwaagen und dem ganzen anderen neumodischen Quatsch. Befreien wir uns vom Joch dieses optischen Teufelszeugs und retten so das Abendland.
Ganz leichte Zweifel habe ich dennoch. Wie bekomme ich in meine Theorie hinein, dass von Angkor nur noch die Tempel stehen, war es doch ein Millionenstadt mit unzähligen Häusern. Warum stürzen in Kambodscha Fabrikhallen ein? Und wie ist es mit den Ausnahmen. Wie bekomme ich die da unter. In Kampot wird direkt an der Riverfront ein riesen Palast gebaut. Mit viel Tamtam und Brimborium. Unzählige Brillenträger mit nicht nur klassischen Wasserwaagen. Eher so elektronisches, also richtiges Teufelszeug. Am Anfang waren es ja nur Gerüchte für wen das Haus sein soll. Nun ist es fast sicher. Ein großen Haus zu Ehren des Präsidenten Hun Sen. Brillenträger. Dazu passt auch, dass sieben Tagen die Woche, 24 Stunden am Tag, und, so sieht es aus, sehr teuer gebaut wird. Auch wenn Kampot mal wieder keiner Strom hat, diese Baustelle leuchtet, so wie damals in dem Kindergedicht für die Ostkinder, das Fenster im Kreml, weil da der Genosse Lenin immer noch nicht schlief. Hell scheint die Sonne ...
Auch in Kambodscha ist Wahlkampf. Hier läuft es jedoch nicht so vorhersehbar, langweilig und unkreativ wie in Deutschland ab. Wie alles, ist es hier von allem immer ein bisschen mehr. Je abstruser, je besser. Nicht politischen Themen stehen im Vordergrund. Wozu auch. So wird von der Regierungspartei gesagt: wenn ihr uns nicht wählt, schließen wir die Krankenhäuser, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen. Dass das nicht wirklich an den Haaren herbei gezogen ist, sehen wir an unserer Straße. Eigentlich sollte sie im April befestigt werden. Die Bauarbeiten hatten schon begonnen. Nun bleibt aber alles so wie es ist, da hier, so wird jedenfalls gemunkelt, eine Oppositionspolitikerin wohnt und der Anteil der Mitglieder der Regierungspartei unter dem Soll liegt. Das ist direkte Demokratie. Nur anders herum. Dass es noch flacher geht, zeigt die Drohung der Regierungspartei, dass, wenn sie nicht gewählt werden, es den Menschen schlimmer ergehen wird als unter dem Khmer Rouge Regime.
Ich habe da sofort die Wahlplakate der CSU der 50er Jahre in Deutschland vor Augen. So wie diese Deutschland nicht vor dem moralischen Verfall gerettet haben, verfehlten die Drohungen auch hier den gewünschten Erfolg. Also wurde nachgelegt. Dem größten Herausforderer wurde unterstellt, gesagt zu haben, dass das Foltergefängnis der Khmer Rouge in Phnom Penh eine Erfindung der Vietnamesen sein soll. Ohne je einen Beweis für diese Aussage gebracht zu haben und dem Politiker auch nur einen Hauch von Chance gegeben zu haben sich dazu zu äußern, wurde umgehend von der Regierung zu Demonstrationen gegen diesen Politiker und deren Partei aufgerufen. Er sollte sich auch öffentlich dafür bei den wenigen noch Überlebenden entschuldigen. Aber das reichte noch nicht. Als nächstes soll er ein Verhältnis mit einer Minderjährigen gehabt haben. Noch nicht genug? Nein. Dann wurde die Mutter einer Frau im Fernsehen präsentiert, die aussagte, dass der Oppositionsführer ein Verhältnis mit ihrer Tochter hatte. Spannend und für mich ein wenig verwirrend ist, dass der Fakt des Verhältnisses nicht das Problem war. Reiche Männer haben eben noch die eine oder andere Nebenfamilie. Das Verwerfliche hier war, dass er nicht bereit gewesen sein soll Unterhalt zu zahlen. Wie immer, weder der Gescholtene noch die Geliebt wurden dazu gehört. Wozu auch. Wie hieß es doch so schön in dem wunderbaren Film mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro „Wag the dog“, in dem ein Krieg erfunden wurde, um die Wiederwahl des Präsidenten zu sichern: Es ist wahr, denn ich hab es im Fernsehen gesehen. Das dieser Krieg nur inszeniert wurde, hinterfragte oder interessierte niemanden. Ob dieser Film hier auch bekannt ist?
Hun Sen werden auch allerlei Liebschaften unterstellt. Es gibt jedoch nie wirklich Beweise dafür. Die vermeintlichen Frauen wurden alle, so wird gemunkelt, Opfer von Attentaten. Die Ehefrau soll zu den fragliche Zeitpunkten rein zufällig in der Nähe wichtige Termine gehabt haben ... Aber das sind alles nur Gerüchte. Und darauf sollte man sich nicht berufen. Dann doch eher Fakten schaffen, die zwar auch nicht stimmen, über die aber im Fernsehen berichtet wird oder die in der Zeitung stehen. Apropos Zeitung. Da stand auch schon vor 5 Wochen, dass die amtierende Regierungspartei die Wahl gewonnen hat. Na dann herzlichen Glückwunsch. Das macht einiges einfacher. Braucht keiner mehr zur Wahl gehen. Haben die Menschen mehr Zeit für anderes. Häuser, mit einem Eigenleben führenden Treppen bauen zum Beispiel. Oder zur nächsten Karaoke-Bar gehen. Obwohl, das ist ein Thema für sich. Kambodschaner und ihre besondere Liebe zur Karaoke an der alle, im Umkreis von 5 Kilometern unfreiwillig und ungefragt, teilhaben dürfen ...
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Auch wenn ich glaubte, dass nach so langer Zeit des Aufenthaltes langsam die Verwunderungen über Erlebtes geringen werden müsste, bin ich vermutlich doch noch nicht lange genug hier. Über einige Besonderheiten kann man schmunzeln, andere wünscht man sich für Deutschland, viele sind irritierend, wenn nicht so gar verstörend. Auf jeden Fall kommen immer wieder Neue dazu.
Wir pendeln relativ viel zwischen Kampot und Phnom Penh hin und her. Da es einfach ist, preiswerter als das eigene Auto und selbstverständlich umweltschonender, fahren wir mit dem Mini-Bus. Ok, umweltschonend gilt hier eigentlich nicht. Der Bus fährt zwei Mal täglich, ist zuverlässig und technisch: naja, ist schon nicht so schlecht. Der Zustand ist jedenfalls wirklich nicht zu verachten. Im Gegensatz zu den anderen öffentlichen Bussen sind die Türen verschlossen, es ist nicht erlaubt auf dem Dach mitzureisen und die Mitnahme des Hausstandes einer 10 köpfigen Familie pro Person ist nicht gewünscht. Da wir auch schon mit anderen Gefährten inklusive der Außen angehängten lebendigen Hühner und Enten, das Vergnügen hatten, ist uns der ein wenig höhere Fahrpreis das alle Mal wert. Nicht zu verachten ist natürlich die eigene Sicherheit. Auch wenn ich regelmäßig mit unserem eigenen Auto unterwegs bin, gehen die kambodschanischen Busfahrer mit den Tücken und Besonderheiten der anderen Verkehrsteilnehmer professioneller um und warum soll ich auch den Angstschweiß auf der Stirn haben. Ist doch schon durch die Wärme schwitzig genug. Außerdem, was macht man im Falle der Fälle.
Das diese Entscheidung gut war, mussten wir neulich erst wieder erfahren. Eigentlich war es statistisch gesehen ja nur eine Frage der Zeit, wann es uns treffen würde. Das es passieren wird, war sicher. Wir hatten unseren ersten Unfall. Besser gesagt der Bus in dem wir fuhren hatte einen Unfall. Wir sitzen immer in der ersten Reihe und waren somit quasi mitten drin. Es war so absehbar und so unausweichlich, jedoch völlig vermeidbar. Der Bus überholte, die Gegenspur ausnahmsweise leer, laut hupend, ein wie üblich mit allerlei Dingen und zwei Personen, also eigentlich völlig Ressourcen vergeudend, ein Moped. Den Rest erinnere ich in Zeitlupe. Ohne zu blinken, ohne zu schauen und ohne wirklich nachvollziehbarem Grund zog des Moped nach links. Unser Busfahrer hatte nun nur zwei Optionen. Entweder das Moped tuschieren oder zu versuchen auszuweichen und unvermeidlich in den Straßengraben bzw. gegen da hinter stehenden Bäume zu fahren. Kaum vorzustellen wie dies bei ca. 80 km/h geendet wäre. Man möge mir verzeihen, ich bin jedoch froh, dass der Fahrer sich für die erste Variante entschieden hat. Der dumpfe Aufprall klingt immer noch in meinem Ohr. Bis jetzt war es fast alles nicht so besonders. Hätte auch in Deutschland so sein können. Das jetzt folgende jedoch sicher nicht. Nach 300 Metern kam der Bus zum stehen. Dem Fahrer stand die Panik sichtlich im Gesicht. Er zitterte. Er zog umständlich seine Busfahrerjacke aus. Schaute nach seinem Handy, seinem Portmonee und öffnete die Tür für die Passagiere. Dann sprang er geduckt heraus, und ohne sich umzusehen auf die Ladefläche eines vorbeifahrenden kleinen LKW. Diesem Fahrer etwas zuraunend sprang er dann von der Ladefläche auf einen anderen fahrenden Pickup und ward nicht mehr gesehen. Verstörende Gefühle machten sich breit. Fragen schossen durch den Kopf. Wie wird es den Fahrern des Mopeds gehen? Was wäre passiert, wenn der Fahrer bei Fahren nicht so cool gewesen wäre? Was überhaupt war das den eben bitteschön? Wie kommen wir nach Phnom Penh? Sind wir im falschen Film?
Der Schlüssel steckte jedenfalls. Warten. Warten ist jedoch einfacher, wenn man weiß worauf. Das der Fahrer mit Hilfe zurück kommt? Sah nicht so aus, dass das, das Ziel seiner Aktion war. Langsam kam auch Bewegung in die Schar der Mitfahrer. Fragende Gesichter jedoch überall. Die ersten verließen den Bus und gesellten sich zu der nun schon beachtlichen Gruppe von Schaulustigen. Die Schramme und die kleine Delle des Aufpralls wurde halb Khmerisch, halb Englisch, jedoch bestimmt sehr fachmännisch diskutiert. Eine zweite Gruppe stand um die Überbleibsel des Mopeds und den auf der Straße liegenden Fahrern. Für Kambodscha wie wir jetzt wissen normal, machte jedoch keiner Anstalten, irgend etwas zu unternehmen. Auch Polizisten gesellten sich nun zu den Schaulustigen. Natürlich auch schauend und worauf auch immer wartend. Nichts passiert. Kein Krankenwagen. Keine Polizei, auch so, die war ja schon da. Nach ca. 20 Minuten kam der Manager des Busfahrunternehmens mit einem Ersatzbus. Irgendwie hat er wohl eine Information bekommen. Einige Businsassen waren zwischenzeitlich zum Moped-Wrack gelaufen um dort auch mal nichts zu tun, außer zu schauen. So erfuhren wir, dass der Fahrer scheinbar wieder sitzen konnte, die Mitfahrerin jedoch, so die Aussage, noch schlief. Leider komme ich nicht umhin zu vermuten, dass dies von nun an ein Dauerzustand werden könnte, liegt bei der Zahl der Verkehrstoten Kambodscha Weltweit ganz weit vorne. Die Versuche zumindest die Helmpflicht einzuführen bzw. überhaupt die Pflicht einen Führerschein zu haben waren bis jetzt nicht so wirklich erfolgreich. Aber wer soll es auch kontrollieren, gibt es hier doch ein ganz anderes Verständnis und Unrechtsbewusstsein. Schuld ist relativ und direkt proportional zur Zahlung eines Betragens X. Hier kann man sich das Recht einfach kaufen. Der Preis richtet sich nach Schwere des Vergehens und die Parteizugehörigkeit. Für Ausländer kostet es ein wenig mehr. Den üblichen Barangzuschlag. Allerdings kann es als Ausländer auch passieren, dass du verurteilt wirst, ohne etwas gemacht zu haben. Ändert aber nichts am Preis. Das es jedoch auch manchmal anders geht, erzählte eine Freundin. Sie fuhr nach Phnom Penh und wurde von einem Polizisten, vermutlich in der Hoffnung etwas Geld zu verdienen angehalten. Im Vorfeld muss ich erwähnen, dass niemand mit Originalpapieren unterwegs ist. Wenn man den Fehler macht, diese dem Polizisten in die Hand zu geben, sind sie weg. Man bekommt diese dann nur gegen eine Zahlung von Summer X und unendlich langem Warten auf einer hiesigen Polizeistation wieder. Je nach dem wie wichtig sie sind. Beim Pass kann es schon mal teuer werden. Man ist also mit Kopien unterwegs. In der Regel fehlt immer eine, da man nicht sicher sein kann, welche genau gebraucht wird. Die besagte Freundin hatte jedenfalls von allem eine Kopie. Inklusive vom Bonusheft und der ADAC Mitgliedskarte. Das hat dem Polizisten nicht gefallen. Trotz intensiver Suche. Alles da. Sich um seine „Belohnung“ also das Strafgeld gebracht, kam nur ein wütendes „... wash you car.“ . So eigenartig das System ist, für ein dreckiges Auto muss man keine Strafe zahlen.
Das war jedoch nur eine Ausnahme. Sonst üblich ist folgendes. Je nach Schwere und Vergehen bezahlt man hier zwischen 1500 Riel (ca. 30 Cent) für einfach mal auf der Straße ohne Grund angehalten werden, bis zur fahrlässigen Tötung, die dann mit ca. 40.000 USD zu Buche steht. Es scheint alles geregelt. Ich habe gerade einen Artikel über den Fall Mollath gelesen. So etwas wäre hier nicht passiert, außer er hätte kein Geld, aber da hätte ihm sowieso, Schuld oder nicht Schuld, nichts geholfen.
Zurück zum Unfall. Wir sind natürlich, wenn auch 30 Minuten später in Phnom Penh angekommen. War ja klar, denn wir haben ja für den Transport bezahlt. Also, und darauf kann man sich in Kambodscha verlassen, es wird immer ein Weg gefunden. Manchmal früher, manchmal später, obwohl das später auch mal eine Woche dauern könnte...
Auf unsere Frage, was mit dem Fahrer ist, wurde uns versichert, dass er Ok sei. Für mich doch einigermaßen verwirrend wurde mir erklärt, dass das sich vom Unfallort zu entfernen die einzige Option sei und in solchen Situationen angemessen und zum Schutz des Fahrers notwendig. Gerade bei Unfällen wird häufig nicht auf das Öffnen der Geldbörse zur Entrichtung der angemessene Strafe gewartet. Da kann es schon passieren, dass von den Zuschauern unmittelbar und sofort in einem fairen Prozess, natürlich unter Berücksichtigung und Abwägung aller Fakten, der Fahrer des größeren Fahrzeuges schuldig gesprochen wird.
Es wird wohl einige Zeit brauchen bis mein unbeschwerte Fahrvergnügen zurück kommen wird. Könnte ich doch auch plötzlich, nach einem ordentlichem und fairen Verfahren im besten Fall verprügelt werden ...
9
Nun sind es schon acht Monate, die wir hier weilen dürfen. Ist es eigentlich noch zu früh um die Zeit Revue passieren zu lassen, haben wir doch noch nicht mal die Hälfte hinter uns. Aber was soll´s. Ich bin der an der Tastatur. Ich kann entscheiden. Ich bin hier und kann schreiben was ich will. Ich kann aktiv sein. Habe in meiner Kindheit gelernt, dass ich aktiv sein muss um etwas zu bewirken. Hier in Kambodscha ist das nicht unbedingt so. Hier vertrauen die Menschen darauf, dass die Dinge von allein kommen. Das ist für mich als, sagen wir mal typisch deutsch Sozialisierter manchmal schon sehr schwer nachvollziehbar und teilweise kaum zu ertragen. Ich bin eben anders in meinem Elternhaus geformt worden. Super, haben wir die Schuldigen schon gefunden. Ich kann nichts dafür. Ich bin so. Habe wegen meiner Eltern die Schwierigkeiten die Problemlösungsstrategien hier so zu tolerieren. Sind aber meine gelernten Strategien aber auch wirklich die einzigen, die richtigen. Aber was ist richtig?
Letztes Wochenende habe ich es anders gemacht und damit mein Gedankenkonstrukt ein wenig ins Wanken gebracht. Kambodscha tickt, wie so oft erlebt bekanntlich ja anders. Das für mich, teilweise doch auch schon mal nervend, passive Abwarten scheint zu funktionieren. Ich habe es ausprobiert. Es ging. Muss ich mein Bild revidieren? Aber was ist passiert?
An den Wochenenden fahren wir oft nach Kep ans Meer. Meer ist immer gut, gut um Abstand zu gewinnen, sich zu erholen und überhaupt. Wer kann schon frischen Krabben, gegrilltem Fisch und Tintenfisch mit frischem grünen Kampotpfeffer widerstehen. Also ich jedenfalls nicht. Am Meer zu wohnen hat unbedingt seine Vorteile. Wir essen in der Regel in einer kleinen Garküche direkt am Krabbenmarkt. Die Leckereien springen förmlich direkt vom Meer auf den Grill und dann auf den Teller. Wer will kann zwischendurch die Füße ins Meer stecken. Einfach, perfekt oder einfach perfekt.
Die Straße zwischen Kampot und Kep wird gerade neu gebaut. Anders als in Deutschland erfolgt dies ohne den Verkehr in irgendeiner Weise zu regeln, geschweige denn umzuleiten. Umleiten würde auch nicht wirklich gehen. Auch mit unserem Allradantrieb würden wir es nicht durch die Reisfelder schaffen. Zumal gerade Regenzeit ist und die Felder knietief unter Wasser stehen. Also für Umleitungen ist kein Platz. Dachte ich zumindest bis zu diesem Tag.
Auf der Strecke ist kurz vor uns ein Bus stecken geblieben, dessen Fahrer glaubte, sich zwischen einem gerade riesen Sandmengen abkippenden LKW, und dem so gerade entstanden Himalaja ähnlichem Sandgebirge durchschlängeln zu können. Er blieb natürlich stecken. Der LKW-Fahrer musste nun versuchen seinerseits auszuweichen. Aber es kam wie es kommen musste, er steckte sofort unweigerlich auch in seinem gerade kunstvoll erschafftem Gebirge fest. Es ging gar nichts mehr. LKW, Himalaja, vollbesetzter Bus. Alle Seiten gaben sich sichtbar Mühe sich aus dieser Lage zu befreien. Also jeder für sich und auf seine Weise. Die Folge war ein nun völlig festgefahrener LKW, dessen Motor wohl auch keine Lust mehr hatte, ein vollbesetzter Bus, der fast auf der Seit lag, da ein kleines Schlagloch doch tiefer war als gewohnt und ein Sandgebirge, dass kein Anstalten machte, von sich aus Platz zu machen. In meinem Rückspiegel sah ich eine Tsunami gleich heranrollende Welle unterschiedlicher Fahrzeuge. Klar jeder wollte der erste sein, wollte sehen was da so geht. So standen kurze Zeit später zahllose Autos, LKW, Busse und Tuk Tuk nebeneinander in der ersten Reihe vor der LKW-Himalaja-Bus-Straßenbarriere. Und gefühlte hundert Mopeds natürlich dazwischen. Was sich hinter uns abspielte war nun auch nicht mehr erkennbar. An ein Umkehren war jedenfalls nicht mehr zu denken. Das Bild war nun: Häuser zwischen Reisfeldern, knietief mit Wasser gefüllte Reisfelder und Fahrzeuge. Viele. Sehr viele. Meinen Gedanken schweiften zu den kleinen Häusern, die wegen des Wassers auf Stelzen stehen. Oft haben sie auch kleine Gärten mit Gemüse und manchmal auch schöne tropische Blumen. Wie ich dann feststellte, war ich nicht der Einzigen, der an diese Plätze dachte. Nur eben ein wenig anders.
Zuerst waren es nur einige Mopeds, die um die Barriere zu umfahren, in einer Hecke verschwanden und durch das da hinter liegende Grundstück sich einen Weg suchten. Ein kleines Beet und eine weitere Hecke durchfahrend, kamen sie unbeschadet hinter der Barriere wieder auf die Straße. Natürlich wäre es auf der anderen Seite einfacher gewesen weiter zu kommen, wenn da nicht auch schon unzählige Fahrzeuge den Weg verstopft hätten. Wir sind aber in Kambodscha. Da gelten ja bekanntlich einige physikalischen Gesetze nicht. So hatten sie quasi freie Fahrt. Was für Mopeds geht, muss doch auch für Autos gehen. Was für Autos geht, muss doch auch für Busse gehen. Was für Busse geht, muss doch schon längst für LKW gehen. Es kam Bewegung auf. Nach den Bussen war die nun entstandene neue Straße gut verdichtet und scheinbar gar nicht übel. Wie ich beobachten konnte, war es sogar möglich auf dem Grundstück zu überholen. Warum müssen die auch so trödeln und das Gemüsebeet ist sowieso schon platt gemacht. Und ein kleiner Baum ist für einen Busfahrer doch nicht wirklich ein Hindernis. Ich habe ja darauf gewartet, dass die Grundstücksbesitzer die Chance nutzen und eine Raststätte mit kleinen Snacks eröffnen. Leider habe ich das nicht mehr miterleben können, wurde ich doch durch Dauerhupen darauf hingewiesen Platz zu machen und auch den Weg über die gerade neu gebaute Schnellstraße, durch Nachbars Garten zu nehmen.
Weiter ging es dann sehr entspannt. Vorbei an Straßenwalzen, Radlader, Sandhaufen in Alpen ähnlicher Höhe. Den Harz mit seinem schönen Brocken habe ich auch geglaubt wahrgenommen zu haben. Slalom fahren macht Spaß. Teilweise konnte ich keine zwei Meter schauen, so dicht waren die Staubwolken. Als einziger habe ich das Autolicht an gemacht. So bildete ich mir ein, ein wenig sicherer zu sein. Angemessen langsamer fahren war keine wirkliche Option. Unweigerlich hätte ein anderes Auto unseren Kofferraum unangemessen verkleinert. Hätten sie mich doch in der Staubwolke zu spät gesehen. Augen zu und durch. Komischer Spruch in diesem Zusammenhang. Hätte aber in dieser Situation in keinster Weise einen Unterschied gemacht.
Wieder mal sind wir in Kep heil angekommen. Die 24 Kilometer sind schon ein richtiges Abenteuer. Wenn die Straße mal fertig sein sollte, wird das ja richtig langweilig. Da heißt es bestimmt: „Oh nö, nicht wieder nach Kep. Ist doch langweilig.“ Und unweigerlich wird dann der Spruch der Sprüche kommen: „Früher war alles besser ..., selbst die Zukunft“, obwohl, das ist eine ganz andere Geschichte.
Noch ist es aber nicht so weit. Noch ist alles gut. Das Essen in Kep insbesondere. Nach dem leckeren Schmaus, wollten wir wie immer noch ein wenig uns die Zeit am Strand in einer Hängematte versüßen. Beim Versuch das Auto zu starten passierte aber nichts. Da fiel es mir wieder ein. Licht angemacht, um ein „sichereres Gefühl“ zu bekommen. Mist. Die Batterie ist wohl auch nicht mehr so gut. Auf jeden Fall war sie alle. Anschieben? Fehlanzeige: Automatikgetriebe. Erst mal die Motorhaube aufmachen. Und nun versuchte ich es mal auf Khmer. Schauen und warten. Da kamen auch schon die ersten Mitschauer. ... Ja, Licht angelassen. ... Ja, Batterie ist jetzt leer. ... Ja, schauen wir mal. Die Traube wuchs. ... Ja, Starthilfe wäre gut. ... Ja, Starthilfekabel bräuchte man. ... Nö, habe ich nicht. Traube wuchs. Ich stand nun auch auf Grund des Platzmangels nicht mehr wirklich am Auto. Schauen. Warten. Die ersten Schauer gingen wieder weg. Neue kamen dazu. Einige telefonierten. Zwei fingen an, an einem dünnen Draht zu basteln. Ich war mir nicht sicher. Es sah so aus, dass das ein Starthilfekabelkabel werden sollte. Dies sollte, so meine Vermutung, die Batterie vom einem Tuk Tuk anzapfen. Meinen doch etwas skeptischen Blick habe sie großzügig übersehen. So ein Barang hat ja auch keine Ahnung was so alles geht. Vermutlich haben sie ja Recht, erfüllt so ein Tuk Tuk ohne Probleme die Aufgaben eines Tiefladers. Ich ließ sie also und schaute weiter herum. Wieder wartend. Worauf? Keine Ahnung. Naja. Wird ja erst in 4 Stunden dunkel. Warten. Schauen. Mal in die andere Richtung schauen. Schauen. Warten. ... Neben der Garküche sehen die Krabben auch lecker aus. Sollte man auch mal probieren. Schauen und warten. Ist sehr entspannend. Schauen. Warten. Ist aber auch ganz schön öde. Schauen. Warten. Auf Dauer würde mich das ganz schön verrückt machen. Bevor dies jedoch passierte, hielt ein, sagen wir mal, das war wohl mal ein Toyota, neben uns an. Heraus kam ein freundlicher Khmer und was holte er aus dem Kofferraum? Zwei dicke Kabel, die durchaus als Starthilfekabel dienen könnten. Eins, zwei fix wurden die mit den Händen jeweils an die Batterien gehalten, Zündschlüssel rum und der Motor lief.
Ich weiß nicht warum. Das khmerische Warten hat funktioniert. Irgendjemand oder irgendetwas löste das Problem von selbst. Funktioniert das immer und bei jedem Problem? Keine Ahnung. Ich beobachte jedoch jeden Tag eine Vielzahl von Menschen, die nichts anderes zu tun scheinen. Vielleicht haben deshalb nur rund 20 Prozent der Jugendlichen einen Schulabschluss. Die haben eben keine Zeit, weil sie ja mit Warten beschäftigt sind. Und wozu überhaupt Schulabschluss. Jeder muss eben nur lange und konsequent Warten und dann wird das schon ...
Anmerkung:
In Folge der Wahl ist eine große Veränderung wahrzunehmen. Viele Menschen, vor allem viele Jugendliche haben keine Lust mehr auf Passivität, wollen mehr. Die Schar, wird größer und größer. Die Wahlen bzw. der Wahlausgang mit den, trotz massiven Wahlfälschungen exorbitanten Verlusten der Regierungspartei, zeigt einen Veränderungswunsch. Auch wenn der Vergleich sicher hinkt, erinnert mich das jetzt Beobachtete ein wenig an die 60iger Jahre in der alten BRD. Ähnlich wie damals in Deutschland reicht es der Jugend nicht mehr „nur“ keinen Krieg zu haben. Der damals dort und heute hier zweifelsohne sichtbare wirtschaftliche Aufschwung ist sicher eine tolle Sache, ist jedoch als alleiniger Heilsbringer zu wenig. Zumal hier im Gegenzug erwarte wird, dass alles andere, sprich Diktatur, Korruption, Verarmung und Vertreibung der Menschen von ihrem Land um Fabriken zu bauen, hinzunehmen ist. Das Gegenteil wird gewünscht. Es wird offen der Forderung nach Veränderung und Mitgestaltung Ausdruck verliehen. Natürlich wollen die Eliten dies nicht. Haben sie doch sehr viel zu verlieren. In der alten BRD wurde damals von der Regierung mit der Angst vor dem Teufel Kommunismus gespielt. Hier wird offen mit Bürgerkrieg und Untergang gedroht. Um es auch zu verbildlichen, sind Panzerdivisionen mitten in Phnom Penh stationiert worden. Offiziell wurde zwar gesagt, dass diese nur zu Wartungszwecken in der Stadt sind. Dieser Logik folgend, müsste es aber in der ganzen Stadt Spezialwerkstätten für Panzer und Raketenwerfer geben. Da regt sich bei mir doch ein wenig der Zweifel, auch wenn wir im „Kingdom of wonder“ sind.
Im Augenblick ist völlig offen was sich in der nächsten Zeit abspielen wird. Unterschiedliche Szenarien sind denkbar. Bleibt zu hoffen, dass eine friedliche Lösung präferiert wird. Anders als in Deutschland wird hier, dies ist jedenfalls zu befürchten, nicht nur mit Wasserwerfern und Tränengas argumentiert.