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Wir
haben ein Auto gekauft. Klingt ja spannend. Ja Moment, kommt mir jetzt auch ein wenig bekannt vor. Alles scheint sich zu wiederholen. Tägliche Routine. Warum sollte das Leben hier auch anders sein. Aufstehen, Frühstücken, Arbeiten, Mittagessen, pausieren, wieder Arbeiten, Abendessen, Abendbeschäftigung, bettfertig machen, wenn man es noch schafft ein wenig lesen und dann schlafen. Ein normaler und vergleichbarer Alltag, langweilig und schön. Wären da nicht die kleinen Unterschiede. Die Dunkelheit z. B. die uns ab 18.30 Uhr umgibt. Sie umschließt einen förmlich, eingeschlossen von ihr hat man das Gefühl sich vollkommen und bedingungslos hingeben zu müssen. Unweigerlich nimmt sie einen gefangen und man will nur noch schlafen. Das Passiert einfach so. Das erklärt zumindest ein wenig, dass man nicht alles, was der Alltag so birgt erfassen und schaffen kann. Ich schaffe es daher kaum all das zu schreiben, was jedoch die Ereignisse und Erlebnisse verdienen würden.
Es ist eben nicht nur ein kleiner Unterschied. Vieles braucht hier ein wenig mehr Zeit.
Da steht man schon mal in einem leeren Geschäft zwanzig Minuten, bis der Besitzer ansprechbar ist, die gewünschte Ware gekauft und bezahlt ist und wie selbstverständlich zum Auto gebracht wird. Dies ist hier jedoch normal. Eine Mitteilung, dass man noch etwas anderes vor hätte würde nur Kopfschütteln oder mindestens ein verständnisloses Gesicht hervorrufen. Was sehr schön ist, wir sind dadurch, wenn auch nicht ganz freiwillig, absolut entschleunigt. Nach einem hektischen Alltag in Berlin doch eine recht große Verbesserung. Mittlerweile ist dies auch in Ordnung und es fällt nicht mehr ständig auf. Es gibt hier nach meiner Beobachtung ein ganz anderes Verständnis von Dienstleistung. Ich meine nicht nur den Tankwart, der Normalität ist und nicht wie in Deutschland bei Schell, kostenpflichtig. Ich bekommen beim Tanken ab 10 $ immer ein so unglaublich süßes Getränk, dass ich freiwillig ganz langsam fahre, um den Verbrauch möglichst gering zu halten. Nur so verhindere ich einen weiteren Erhalt eines nichtablehnbaren Gratisgetränkes. Alles, Trinkwasser, Gas und was auch immer, wird nach Hause geliefert. Anfänglich war ich mit dem Servicegedanken auch ein wenig überfordert. Ich habe einige belustigte Blicke geerntet, wenn ich selber aktiv wurde oder erst unverbindlich nachfragen wollte. Wenn ich zum Beispiel in ein Geschäft gehe, muss ich auch was wollen. Nur so schauen oder informieren geht nicht. Ist ja auch Zeitverschwendung. Die Zeit fehlt ja dann wieder beim Warten in einem anderen Geschäft. Manchmal geht es aber auch sehr schnell. Meine erste Autowäsche. Bevor ich fragen konnte, bzw. ich das für mich übersetzt habe, was das kosten soll, war das Auto schon komplett in einem Wasserstrahl und danach in einer Schaummenge verschwunden.  Mindestens 8 Menschen hatten sich über das Auto her gemacht. Als das Auto blitzte, jedoch noch nass war, dachte ich, nun zwei Dollar bezahlen und dann nix wie nach Hause. Weit gefehlt. Irritier wurden mir die zwei Dollar abgenommen, jedoch vom Hof kam ich nicht. Die acht Leute machten sich nun an das Trocknen und die komplette Innenreinigung. Ich habe versucht zu erkennen, wer für was zuständig ist. Wenn ich glaubte es zu verstehen, war es natürlich wieder anders. Meine Theorie ist, dass jeder alles macht und jeglicher Versuch eine Ordnung zu sehen ist einfach Quatsch. Das Entscheidende ist, am Anfang ist das Auto dreckig und am Ende sauber. Und dazwischen passiert einfach etwas. Mehr brauch ich auch nicht zu wissen. Bei einem PC weiß ich ja auch nicht, was da passiert und damit lebe ich eigentlich auch ganz gut. Am Ende blitze unser Auto innen und außen wie neu. Schön war zu beobachten, wie die Dinge aus dem Auto alle auch genauestens betrachtet und ausprobiert wurden. Die Barangs (Khmerbeschreibung für Ausländer) haben aber auch manchmal komische Sachen im Auto…
Ein großartiges Erlebnis war auch der erste, leider unvermeidlicher Werkstattbesuch. Kaum, jedenfalls für hiesige Verhältnisse, war ich auf dem Hof, stürzten drei Mechaniker zum Auto und hatte es schon aufgebockt. Ich war kaum fertig mit der Erläuterung des Problems, da waren auch schon alle Räder incl. Aufhängungen und Federn weg. Dann wurde vom Werkstattbesitzer kurz im Kopf überschlagen, was das Zusammenbauen wieder kosten würde und ich war das Auto los. Leider mussten sie ein Teil noch aus Phnom Penh holen. Hatte ich bei der Herfahrt wohl verloren.
Alles Wichtige gibt es nur in Phnom Penh. Das erinnert mich an an meine Kindheit in der DDR. Wenn wir zu den Großeltern oder anderen Verwandten in die Provinz gefahren sind, haben wir auch immer Sachen aus der Hauptstadt mitbringen müssen die es bei ihnen nicht gab. Nur, dass das hier als normal angesehenen wird. Es fährt ja eh immer irgend jemand nach Phnom Penh. Zurück zum Auto. Entschuldigend wurde ich auf den nächsten Tag vertröste. Was soll ich sagen. Am nächsten Tag war alles zusammengebaut. Nichts ist übrig geblieben. Alle Gummimuffen, gebrochene Federn, Schrauben und was weiß ich, was man so alles Wechsel kann war neu und ich bezahlte den vereinbarten Betrag. In Deutschland kostet eine Stunde in einer Fachwerkstatt 120 €. Da hätte ich jetzt vermutlich Insolvenz anmelden müssen. Hier ist das für uns nicht so. Wenn man kein Wert auf Originalteile legt und kein Problem mit dauerhaften Provisorien und mit Unmengen von komischen Kabel im Motorraum hat, ist man hier bestens bedient. Schluss endlich, das Auto und die Lenkung klappern nicht mehr und alles ist wie neu. Was ich erstaunlich finde, so etwas wie Termin in einer Werkstatt gibt's nicht. Wer kommt der kommt. Wer als erster kommt dessen Auto wird auch als erstes zerlegt und vielleicht auch wieder zusammen gebaut. Meistens jedenfalls. Auch wenn ich natürlich nicht hoffen, dass unser Auto in der Zukunft kaputt geht, ich mache mir jedoch keine Sorgen, dass nicht ein weiteres Provisorium das Problem lösen wird ...

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Am Anfang war die Idee, einfach die Anker hochziehen, Wind in die Segel und los. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Anker so fest im Boden befestigt und mittlerweile ziemlich unbeweglich war. Dazu gehören auch allerlei bürokratische Hürden. Ich habe ja einiges von anderen Menschen gelesen die auch mit schönen Erfahrungen diesbezüglich, mehr oder wenig freiwillig aufwarten können. Auch wenn ein wenig anders geartet, so bekam, wenn ich es richtig erinnere, im vergangen Jahr eine Frau von ihrer Krankenversicherung einen Brief, dass ihr Versicherungsverhältnis wegen ihres Ablebens beendet wurde. Nicht nur das der Fakt allein schon ein wenig skurril anmutet, dass man als Toter Briefe von der Krankenkasse bekommt, dieser Fall setzte ja noch einen drauf, weil die besagte Frau ja nun noch garn nicht tot war und auch nicht bereit war an diesem Zustand, so machte es jedenfalls auf mich den Eindruck, jetzt oder später etwas ändern wollte. In ihrer Naivität rief sie bei Ihrer Versicherung an und versuchte den Sachverhalt bzw. ihr augenblickliches leibliches Befinden aus ihrer Sicht zu beschreiben. Dass sie nicht den gewünschten Erfolg bei der Gegenseite hatte, versteht sich sicher von selbst. Die Versicherung bestand auf ihrem Standpunkt. Es reichte auch nicht einfach vorbei zu gehen und hallo zu sagen. Da könne ja jeder kommen. Sie musste eine Lebendbescheinigung des Einwohnermeldeamtes beibringen. Leider waren die es jedoch, die Aufgrund einer Verwechslung das Durcheinander erst verursacht haben. Letztendlich kostete es viel Nerven, Zeit und auch die eine oder andere Gebühr, die der arme Frau ihr weiteres Leben erlaubte. Zum Glück ist sie nicht wegen des ganzen Ärgers tot umgefallen. Sie hätte sonst vermutlich post mortem vor Gericht wegen Betruges verantworten müssen.
Ich wollte ja über dieser Art bürokratischen Hürden anfänglich nichts wissen. Mir fast bis zum Schluss vorgaukelnd, dass ich ja ein völlig freier Mensch bin und einfach weggehen könnte wenn es mir beliebt, kamen mir dann doch nach und nach erst kleine, dann doch richtige Zweifel. Wie oft ich den Satz gehört bzw. gelesen habe: so geht das aber nicht, kann ich schon gar nicht mehr erinnern. Und alle wollten Bescheinigungen, für deren Erstellung jedoch genau die jeweilige gewünschte Bescheinigung benötigen würde. Oft hatte ich das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Es wurde immer mehr. Krankenversicherung auf Anwartschaft umstellen, Hausrat-, Haftpflichtversicherung, Arbeit und Fitnessstudio kündigen, oder vielleicht doch nicht?, Lebensversicherung ruhen lassen, ADAC-Mitgliedschaft, wozu auch immer ich das hatte, beenden, Rentenversicherung anpassen, Bankkonten auflösen, um Kontoführungsgebühren sparen zu können bzw. Konten zusammen legen wollen, geht aber nicht, na gut, denn eben nicht, Wohnung kündigen, Meldung beim Finanzamt, Auto verkaufen, Möbel einlagern lassen und Transport organisieren, Festnetztelefon abmelden, Handys kündigen, Zeitschriftenabos beenden bzw. die eine oder andere doch weiterleiten lassen, Überseefrachtunternehmen für unsere Lieblingsdinge suchen, nützliche, unverzichtbare und unnütze Dinge für die Tropen aussuche ggf. neu kaufen. Flip-Flops in Schuhgröße 47 kaufen, da es die bestimmt nicht in Süd-Ost-Asien gibt, Wasserreiniger besorgen, Bilder und Musik suchen. Das alles in einer Liste aufschreiben. Da behält man, zumindest glaubt man das, den Überblick. Leider hatte sich die Liste scheinbar gegen mich verschworen. Wenn eine Sache erledigt war, kamen zwei dazu. Dennoch wurde sie mit List und Tücke es dann doch geschafft. Nach unzähligen Telefonaten, Schreiben und persönlichen Gesprächen war soweit alles erledigt. Meine gefühlte Freiheit hatte sich da bereits restlos in Luft auf gelöste. So lange man das Spiel des Lebens in der eigenen kleinen Welt mitspielt, war alles gut und man kann sich in seinem Rahmen sehr gut bewegen. Nun wollte ich jedoch, wenn auch nur ein winziges bisschen raus aus dieser Welt. Sofort schlugen sie zu, die Fristen, Laufzeiten, vertraglichen Verpflichtungen etc. pp. Unsere vermeintlich gut Idee entpuppte sich schnell zu einem Ungeheuer, was kräftezehrend bezwungen werden wollte. Ist die Matrix vielleicht doch keine Vision? Ohne schon wieder über die Telekom herzuziehen zu wollen. Die Telekommenschen haben auf jeden Fall den größten Vogel abgeschossen, obwohl ich zwischenzeitlich nicht sicher war, wer hier wen abgeschossen hatte. Im Vorfeld hatte ich gelesen, dass es Grundsatzentscheidungen des Bundes-was auch immer für ein -gericht gibt, dass Menschen, die nach dem Entsendegesetz ins Ausland gehen, auf jeden Fall die Möglichkeit haben, Verträge vorzeitig zu kündigen. Es wurde lediglich die Chance einer Entschädigungszahlung eingebaut, deren Höhe jedoch nicht explizit festgehalten wurde. Naja, die nagen ja auch so am Hungertuch. Für den Festnetz- und Internetanschluss sollten es 250 € werden. Was soll´s. Blieb der Handyvertrag. Da es sein musste, schrieb ich einen Brief, mit der Bitte um vorzeitige Kündigung. Es folgte umgehend eine Antwort, dass es wirklich sehr und insbesondere bei mir Bedauert würde, dass ich den Vertrag kündigen möchte. Sie stimmten der Kündigung zum August 2014 zu. ...Was? Natürlich schrieb ich zurück, nicht ohne mich meinerseits freundlich zu bedanken und erinnerte an das richterlich geprüfte Sonderkündigungsrecht in diesem speziellen Fall. Die Rückantwort ließ nach dreimaliger Nachfrage fast nicht lange auf sich warten. Das Bedauern war immer noch groß und bei der Prüfung des Einzelfalls wurde dann der Sonderkündigung zum soundsovielten zugestimmt. Schön, dachte ich, geht doch. Nur bei der sogenannten Aufwandentschädigung musste ich dann doch irritiert nachfragen. Das Angebot der Telekom war, Kündigung und Einstellung der Nutzbarkeit zum gewünschten Termin, einmalige Zahlung entsprechend der Grundgebühr bis zum Ende der Laufzeit. Eine richtige win win Situation. So wurde es zumindest seitens der Telekom, auf wiederholte Nachfrage, inklusive der Weiterleitung an die Leitung des Kundenservice, vermittelt. Der erklärte mir, dass er mich nicht verstünde, ich hätte dann doch was ich wolle. Manchmal gibt es Augenblicke, da fehlen einem die Worte und sie kommen auch nicht so schnell wieder. Warum bin ich nur nicht in der Lage, diese win win Situation zu verstehen. Na gut, ich wusste ja nicht, was dem noch folgen sollte. 01.01.2013, alles war erledigt, wir waren offiziell ohne Wohnsitz in der BRD. Alles war so weit wir es überschauten geklärt, der Abschiedssekt auf dem Flughafen schmeckte. Auf in eine andere Welt. Und sie war ja so anders. Am ersten Tag bekamen wir SIM-Karten für unsere Telefone, damit wir für den Arbeitgeber und die Botschaft erreichbar waren. Eine Internetleitung wurde in unser zu Hause gelegt. Mindestvertragsdauer, gibt es nicht. Zehn Dollar Sicherheit mussten wir hinterlegen und nun kommt jeden Monat der Internetvertreiber und holt sein Geld ab. Wenn wir nicht bezahlen würden oder kein Internet mehr wünschen, wird die Anlage einfach wieder abgebaut. Wenn wir sparen wollen, bezahlen wir für drei Monate, den vierten gibt’s umsonst. Und alles ohne Fristen. Passt ja irgendwie zu den anderen Dingen zum Thema Service die es hier so anders machen. Irgendwann ist da wohl in Deutschland etwas schief gegangen. Na gut. Alles hätte so schön ein können. Bis dann Anfang März die Handyrechnung der Telekom online ereiltet. Ich hatte ja Schluss endlich das so verlockende Angebot der Telekom ausgeschlagen, die volle Summe ohne Leistung als Entschädigung zu zahlen. Ich dachte, können wir ja im Heimaturlaub telefonieren. Bräuchte ich keine andere SIM-Karte kaufen. Spare ich ja sogar. Pustekuchen. Die Rechnung belief sich ohne auch nur eine Minute telefoniert zu haben auf 1880 €. ...Was? Das wurde eine Frage, die ich nun öfter in Zusammenhang mit der Telekomkommunikation denken sollte. Das kann doch nur ein Scherz, na gut, ein Irrtum sein. Doch, doch, ich habe telefoniert. So der Standpunkt der ständig wechselnden Ansprechpartner des Kundenservice. Eine Mail folgte der anderen. Ein bisschen erinnerte mich das an den Kindergarten. „War ich nicht!“ „Doch warst du, beweis doch das Gegenteil!“ „Beweis du es doch!“ „Ne, mach ich nicht!“ „Und mit wem soll ich telefoniert haben, kenn doch hier gar kein?“ „ Sag ich nicht. Musst du doch selber wissen!“. Schön war, dass sie in einem Brief schrieben, dass sie bei der nochmaligen Durchsicht meiner Schreiben keine neuen Erkenntnisse gewonnen haben, die sie überzeugten, dass ich nicht telefoniert habe. ....Was?. Hieße das, hätte ich besser geschrieben, müsste ich nicht zahlen? Erinnerte mich plötzlich an die Bewertung von Schulaufsätzen: Keine durchgängige Argumentation, zu wenig Inhalt, Thema verfehlt, 5 setzten. Ich habe sofort den Geruch der alten Schule in der Nase. Eine Mixtur aus Bohnerwachs, Schulklo, Mittagessen und Schweiß von pubertierenden Halbwüchsigen.
Da ich nicht wirklich zahlen will, wird die Telekom ihr Geld jetzt wohl einklagen. Da ich in Kambodscha bin, wird schon die Zustellung der Vorladung spannend. Straßennamen gibt es nicht unbedingt. Eine Hausnummer hat das Haus nicht. Selbst Postleitzahlen sind ehr unüblich. Alles dies ist jedoch eine Bedingung für die Zustellung einer gerichtlichen Ladung. Wird wohl alles verzögert werden auf den Zeitpunkt, an dem ich wieder nach Deutschland reisen werde. Gut ist dann, dass ich kein Taxi brauche. Ich werde ja am Flughafen Schönefeld...., Entschuldigung, den gibt es ja auch in den nächsten Jahren nicht. ....werde von Tegel in Handschellen in die Stadt gefahren. Da ich ja keine Wohnung mehr in Berlin habe, ist das ja praktisch. Ich weiß jetzt schon wo ich schlafen werde. Wohnraumlenkung dank Telekom. Neue Adresse JVA Moabit...

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Ich hatte einen Traum. Konzerthaus Berlin. Das seichte schwingen der Streicher lässt einen förmlich dahinschweben. Eigentlich bin ich nicht unbedingt ein Freund von Haydens Streichquintteten. Das hier war aber traumhaft gespielt, wobei es natürlich auch daran liegen könnte, dass ich ja schon schlief. Ach wie schön. Der Klang erinnerte mich an den Geräusche einer tropischen Nacht. Ich hörte das gleichmäßige zirpen der Zikaden, das gleichförmige und nicht wie sonst nervige Gequake, der im mit zartrosa blühenden Lotus bewachsene See fröhlich springenden Frösche, vermutlich darauf hoffend, von der Schönsten erhört zu werden. Auch wenn der Fluss nicht direkt am Haus vorbei fließt, meinte ich die Verwirbelungen des Wassers an den Steinen des Ufers zu vernehmen. Dieser Traum ist doch besonders. Sonst unhörbare Dinge sind wahrnehmbar. Der sonst gehörte Geräuschmix wird differenzierbar. Einzelne Klänge stehen für sich. Genau wie in diesem kleine Quintett. Jedes einzelne Instrument kann ich erfahren. Dennoch ergeben die einzelnen Striche der Bögen, ein geschlossenen Gesamtklang. Ich lasse mich gern gefangen nehmen, eingeschlossen dahinschwebend. Vermutlich habe ich deshalb nicht gemerkt, dass sich ein weiter Musiker auf die Bühne geschlichen hat. Er hat ein kleines Windspiel, auf dem er kaum hörbar einstimmt. Für mich interessant ist, dass es nicht wirklich stört. Noch darüber nachdenkend, waren auch schon zwei weitere Musiker erschienen und stimmten mit ein. Das Klangholz schlug nicht jeden Takt mit, der Güirospieler schien es ihm gleich machen zu wollen. Träume sind schon seltsam. Überlegend, warum ich weiß, was ein Güiro ist, sind schon weitere Menschen auf der Bühne des Konzerthauses erschienen. Die Streicher ließen sich nicht beeindrucken und spielten einfach weiter, versuchten nicht den Klang der anderen zu übertrumpfen. Das normalste auf der Welt. Das wird spannend. Drei weiter Musiker erscheinen auf der Bühne. Die schlichen jedoch nicht mehr wirklich. Eine Windmaschine und ein Xylophon wiegen ja auch einiges. Die fehlende Röhrenglocke wurde auch gleich nachgeschoben. Was haben die nur vor. Rock the Hayden? Regenholz, Ratsche und das Donnerblech fingen nun doch schon an das Streichquintett zu übertönen. Nun geht es aber los. Es erschien ein Chor. Ich vernehme ein leichtes summen. Einzelne Sänger fingen an in die Hände zu klatschen. Nicht mehr im Takt. Vielmehr scheint jeder versucht, seinen eigenen Rhythmus nach zu eifern. Es wird aber nicht nur mit den Händen geklatscht. Ellenbogen geben auch einen guten Klang ab. Die Musik oder soll ich besser sagen, das Geräusch ist mittlerweile ohrenbetäubend. Erst jetzt bemerke ich, dass die Streicher längst aufgehört haben zu spielen. Sie sitzen und, so scheint es, lassen sich vom Klang einfangen. Ich komme nicht umhin es ihnen gleich zu tun. Fasziniert, beeindruckt, beruhigt. Das Gefühl der völligen Hingabe, Geborgenheit, Sicherheit. Selbst der plötzliche Schlag der Beckens, der Kesselpauken, der großen Basstrommel, und die fehlten noch, der zwei Taiko, diese japanischen Riesentrommeln die mit einer Art Baseballschlägern bearbeitet werden, lassen mich nicht aufschrecken. Grandioser Lärm. Klatschen, Trommeln, Schlagen, Summen. Das ebenfalls klatschend einstimmende Publikum lässt den Klang in eine fulminantes Forte anschwellen. Auch wenn ich mit einem Nachbarn reden wollen würde. Möglich wäre das jetzt nicht mehr. Aber wozu auch. Naturgewaltig, großartig, prächtig. Ich sehe vor meine Augen Blitze, spüre den Donner, sehen wie riesige Regentropfen auf den Boden klatschen. Wobei, da wo der vermeidliche Boden war, ist jetzt ein See, wenn nicht sogar ein reisender Fluss. Das ganz Konzerthaus bebt. Ich kann es spüren. Ein Blick zu den Musikern zeigt, sie sind in ihrem Element. Jeder zeigt, was aus seinem Instrument heraus zu holen ist. Das Strahlen in den Gesichtern ist eine Freude. Einige wechseln sich gegenseitig ab. Obwohl wirklich jeder so spielt wie er will, gibt es wie zuvor bei den Streichern einen wohligen Gleichklang, dem ich mich nicht entziehen kann und möchte.
Ich weiß nicht wie lange das so ging, sah jedoch fast alle Musikern schweißtropfend nach Luft ringen. Traum oder Realität? Egal. Langsam, anfänglich kaum merkbar, dann doch mehr und mehr, erstarb das Forte. Die großen Trommeln und Becken wurden, nicht ohne nochmals zu zeigen, was alles geht, herausgeschoben. Die anderen Schlagwerke folgten ihnen nacheinander. Das Klatschen und Schlagen auf die Ellenbogen war das einzige, was ich noch hörte. Langsam wurde auch dieses leiser. Nur noch vereinzelt wurde geklatscht. Leise nahmen die Streicher ihren Hayden wieder auf. So wie anfänglich, war nun nur noch das Quintett auf der Bühne zu hören. Unbemerkt wie sie gekommen sind, waren alle anderen Musiker wieder verschwunden. Verdient genießen sie wohl das dahingleiten der Musik auf der Bühne.
Ich weiß nicht mehr genau warum ich aufgewacht bin. Beseelt von meinem Traum stand ich mit meinen Füßen im Wasser. Blitzartig war ich wach und meine Gedanken sprangen im Dreieck: Kambodscha, Tropen, Regenzeit, Wolkenbruch, Fenster offen, nun ein See im Haus...
Ich hatte einen Traum. Ich schöpfte mitten in der Nacht Wasser aus dem Haus und selig summte ich dazu ein Hayden-Streichquintett...